Zentraleuropa

Bei der Betrachtung der neuen EU-Länder in Zentraleuropa wird aufgrund der geringeren Bedeutung und größeren Variabilität kleinerer Quellmärkte nicht jeder dieser Märkte isoliert untersucht, sondern ein Gesamtindikator der generellen Entwicklungsrichtung angegeben. Im Folgenden werden deshalb die Quellmärkte Ungarn, Tschechien und Polen gemeinsam betrachtet.

1. Volkswirtschaftlichter Überblick

Die wirtschaftliche Tätigkeit in Ungarn hat sich im Jahr 2016 etwas verlangsamt, zieht aber seitdem aufgrund von öffentlichen Investitionen und der erneuten Auszahlung aus den EU-Strukturfonds wieder an. Das fortschreitende Beschäftigungswachstum und der Anstieg der Reallöhne werden weiterhin zu einem stabilen privaten Konsum führen. Die Exporte dürften aufgrund der abnehmenden Kostenwettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum Ausland aber stagnieren.
Ungarn setzt mit Steuersenkungen und der Umsetzung wachstumsfördernder Maßnahmen weiterhin auf einen fiskalpolitischen expansiven Kurs. Aufgrund des Lohnwachstums und dem Rückgang von Kapazitätsüberhängen dürfte das Inflationsziel von 3% im Jahr 2018 aber überschritten werden. Durch marktfreundliche Maßnahmen sollten die ungarischen Betriebe darin unterstützt werden am globalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben. Außerdem sollte der ungarischen Politik daran gelegen sein die Kompetenzen am Arbeitsmarkt weiter auszubauen.
Eine gute Entwicklung der ungarischen Wirtschaft hängt vor allem von weiteren öffentlichen Investitionen ab, um so die Attraktivität des ungarischen Standorts für ausländische Direktinvestitionen zu erhöhen. Erneute Turbulenzen auf den Finanzmärkten könnten diese Entwicklung aber ernsthaft gefährden. 

Die tschechische Wirtschaft verzeichnet weiterhin ein stabiles Wachstum. Die Erhöhung des Mindestlohns Anfang dieses Jahres und die starke Nachfrage nach Arbeitskräften sollten sich für die arbeitende Bevölkerung positiv auswirken und somit dem privaten Konsum Auftrieb verleihen. Wahrscheinlich dürfte aber der Mangel an Arbeitskräften auch zu einem Bremseffekt auf das Wachstum führen, weshalb die Inflation bei ca. 2% verharren wird. Um dem entgegenzuwirken sollte die tschechische Regierung in strukturpolitische Maßnahmen setzen. Ziel sollte eine Verringerung des Arbeitskräftemangels und die Steigerung der Produktivität sein. Dadurch würden ein rascheres Wachstum und höhere Löhne begünstigt.
Aufgrund ausländischer Investitionen ist die tschechische Wirtschaft stark in den globalen Markt integriert. Der schwindenden Attraktivität aufgrund steigender Löhne sollte mit einer Erhöhung der Wertschöpfung entgegengewirkt werden. Gleichzeitig sollte in die Ausbildung der Bevölkerung investiert werden.
Das größte Risiko für die tschechische Wirtschaft liegt in einer Aufwertung der tschechischen Krone, was zu einem Rückgang der Exporte führen würde, sowie in einer Konjunkturverlangsamung in China und möglicher Probleme aufgrund des Brexits. 

Im Jahr 2017 und 2018 dürfte die polnische Wirtschaft weiterhin stark wachsen. Das vor allem aufgrund einer starken Inlandsnachfrage und einem günstigen Klima für Investitionen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zentralbank zu Jahresbeginn 2018 aufgrund der steigenden Inflation und der nachlassenden Kapazitätsüberhänge die Zinsen erhöht. Aufgrund steigender Sozialleistungen dürfte sich außerdem das Haushaltsdefizit erhöhen. Mehreinnahmen könnten durch den Abbau von Mehrwertsteuerbegünstigungen erzielt werden.
Die Integration am globalen Markt hat der polnischen Wirtschaft starken Auftrieb verliehen. Die polnische Wirtschaft sollte weiterhin vom Plan der Regierung profitieren die Innovationsfähigkeit durch das Forcieren der Zusammenarbeit von Universitäten und Industrie zu fördern. Dadurch sollten technologisch fortgeschrittene Produkte entstehen, die die Handelsaussichten positiv beeinflussen werden. Dazu muss aber auch in die Weiterbildung gering qualifizierter Erwachsener investiert werden.
Das größte Risiko für die polnische Wirtschaft liegt bei den Schweizer Franken Hypothekendarlehen. Sollten die Banken gezwungen werden Entschädigungen zu zahlen, würde sich das negativ auf die Kreditvergabe auswirken. Geplante Änderungen des Steuersystems bringen weitere Unsicherheiten mit sich. 

Quelle: OECD Wirtschaftsausblick 2017/1

Volkswirtschaftliche Kennzahlen
  Ungarn Tschechien Polen
Bevölkerungszahl (2016) 9.855.571 10.538.275 38.005.614
Reales BIP pro Kopf (2016) € 11.500 € 16.700 € 11.000
Wachstumsrate des realen BIP pro Kopf (2016) 2,0 % 2,6 % 2,7 %
Arbeitslosenquote (08/2017; Ungarn 07/2017) 4,3 % 2,9 % 4,7 %
Inflationsrate der letzten 12 Monate (08/2017) 2,0 % 2,0 % 1,1 %
Quelle: (Vorläufige) Eurostat Jahreskennzahlen

 

2. Ankünfte und Nächtigungen der Gäste aus Ungarn, Tschechien und Polen

Im Vergleich zu 2015 war das Ergebnis der Gästezahlen im Jahr 2016 positiv: Die Ankünfte stiegen um 1,7%, und die Nächtigungen stiegen um 3,2% an. Der negative Trend aus dem Vorjahr konnte somit umgekehrt werden. Lediglich die Nächtigungen pro Ankunft sind minimal gefallen.

Anzahl der Ankünfte in Wien im Jahresvergleich
  2015 2016 Veränderung
Ankünfte pro Jahr 278.572 297.426 + 1,7%
Nächtigungen pro Jahr 518.079 534.974 + 3,2 %
Nächtigungen pro Ankunft 1,9 1,8 - 0,1
Bisheriger Trend positiv seit 2016


Quelle: Statistik zu Gästeankünften und –nächtigungen des WienTourismus

Die Betrachtung der Saisonalität der Ankünfte (siehe Diagramm) macht deutlich, dass die meisten ungarischen, polnischen bzw. tschechischen Gäste im Juli und Dezember nach Wien kommen.

Mehr Quelle: Statistik zu Gästeankünften und –nächtigungen, WienTourismus Saisonalität osteuropäischer Ankünfte in absoluten Zahlen in den Jahren 2015 und 2016

3. Reise- und Buchungsverhalten der Gäste aus Ungarn, Tschechien und Polen

Die meisten Gäste kommen, wohl auch bedingt durch die gute Erreichbarkeit und geographische Nähe, mit dem Reisebus und privaten Pkw nach Wien oder nehmen die Bahn. Die ÖBB bietet mit einer Palette an preisgünstigen Sparschiene-Angeboten Verbindungen von Budapest, Pecs und Keszethely (Ungarn), Prag und Brünn (Tschechien) sowie Warschau und Krakau (Polen) an. Flugverbindungen gibt es nach Budapest von Austrian, nach Warschau und Krakau von Austrian und LOT, sowie nach Prag von Austrian. Aus dem folgenden Diagramm sind die Buchungspräferenzen von Gästen aus mittel- und osteuropäischen Ländern ersichtlich.

Mehr Quelle: Marktdatenblätter 2013 für Ungarn, Tschechien und Polen, WienTourismus Buchungsgewohnheiten Buchungsverhalten der Gäste aus Ungarn, Tschechien und Polen

4. Zielgruppendefinition und Marktstrategie für Ungarn, Tschechien und Polen

In allen drei Märkten werden entsprechend der Gesamtstrategie zwei Hauptzielgruppen differenziert angesprochen, einerseits 20- bis 39-Jährige, andererseits 40- bis 59-Jährige. In Ungarn und Tschechien konzentrieren sich die Maßnahmen auf Personen mit mittlerem bis höherem Einkommen und einem mittleren bis höheren Bildungsniveau. In Polen wird gezielt die Gruppe mit hohem Bildungsniveau und hohem Einkommen bearbeitet. Zusätzlich soll in allen drei Ländern die Zielgruppe Gay & Lesbian adressiert werden. Regionale Schwerpunktaktionen im (sub)urbanen Wohnraum sind für Ungarn in Budapest, für Tschechien in Prag und Brünn sowie für Polen in Warschau, Krakau und Lodz geplant.

In Polen werden sich die Maßnahmen von Wien Tourismus auf die Monate Juli und August konzentrieren. In allen drei Märkten sind gezielte B2B- und B2C-Maßnahmen sowie ein Ausbau des Online-Marketings durch verschiedene Kooperationen und Kampagnen geplant.

Als relevante Markenbausteine wurden für Ungarn, Tschechien und Polen gleichermaßen definiert: (1) imperiales Erbe, (2) Musik- & Kulturangebot, und (3) Kultur des Genusses.  Für Polen soll zusätzlich verstärkt auf die Balance zwischen Stadt und Grünraum eingegangen werden.

Quelle: Marketingkonzept 2017, WienTourismus